Orgelbau Kuhn
 
 
 

Orgelbau Th. Kuhn AG, 1984

Neue Orgel

Windladen: Schleifladen
Traktur: mechanisch
Registratur: mechanisch

Einweihung: 20.05.1984

Experte: Rudolf Meyer
Architekt: Bischoff + Weidli (1907)
Gehäuseentwurf: Georg Weissmann
Intonation: Kurt Baumann


© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf



Portrait-Nummer 112850
www.orgelbau.ch/op=112850

Spiez III/P/33
Schweiz, Bern
Ref. Dorfkirche

Jugendstil und Spargeln

Die reformierte Dorfkirche (im Gegensatz zur Schlosskirche) wurde in den Jahren 1905/07 durch die Architekten Bischoff und Weideli erbaut. Sie erstrahlt im frischen Glanz des Jugendstils, welcher nach der langen Epoche der historisierenden Baustile am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Aufbruch nach neuen Formen markierte. Das Gebäude wurde 1984 innen wie aussen pietätvoll renoviert und hat seine ursprüngliche Ausstrahlung durchwegs behalten.

Der Orgelprospekt über der Kanzelwand wurde von den Architekten als wesentlich mitbestimmendes Element gestaltet. Die Pedaltürme sind - wie bei norddeutschen Barockorgeln des 17. Jahrhunderts - in die Emporenbrüstung vorgezogen. Sonst aber atmet der Prospekt einen völlig andern Geist. Die Pfeifenlängen richten sich überhaupt nicht nach den akustisch nötigen Längen, sondern sind nach rein ästhetischen Gesichtspunkten bemessen und über weite Strecken trotz abnehmender Durch-messermensur gleichlang gehalten. Als typisches Jugendstilmerkmal sind die vor den Pfeifen durchlaufenden Ornamentbänder zu bezeichnen, welche bei den Türmen aus Metall gestanzt sind. Für diese damals durchaus neue Art der Prospektgestaltung prägte Albert Knoepfli das treffliche Wort «spargelbundartig», das sich seither in der Fachsprache eingebürgert hat. Die Bänder des Hauptgehäuses sind geschnitzt und zeigen den typisch vegetabilen Charakter der Jugendstilornamentik.

Technisch und klanglich betrachtet hat sich die neue Orgel von 1984 freilich vom Jugendstil sehr weit entfernt. Während die authentischen Jugendstilorgeln durchwegs der Röhrenpneumatik zugehören, wurde hier jetzt eine mechanische Schleifladenorgel gebaut. Dispositionell ist noch ein anderer Wendepunkt zu vermerken. Man wandte sich hier bewusst vom rein neobarocken Muster, das durch die Orgelbewegung geprägt war, ab und nahm auch wieder romantische Register in die Disposition auf: neben streichenden Stimmen auch überblasende Flöten und bis vor kurzem eher verpönte Zungenregister (Cor anglais und Clarinette).

Friedrich Jakob, 2006
 
 
   
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