Orgelbau Kuhn
 
 
 

Orgelbau Kuhn AG, 2014

Restaurierung

Orgel erbaut von:
G.F. Steinmeyer & Co., Oettingen/Bayern, 1930

Windladen: Taschenladen
Traktur: elektrisch
Registratur: elektrisch

Einweihung: 18.05.2014

Experte: Björn Boysen, Stein Johannes Kolnes, Per Fridtjov Bonsaksen, Magne Draagen
Gehäuseentwurf: Claude Lardon
Intonation: Gunter Böhme, Thierry Pécaut



Diskografie:
The Steinmeyer Organ in Nidaros Cathedral


Bibliografie:
The Steinmeyer Organ in Nidaros Cathedral in Trondheim


Links, Downloads:
Nidarosdom
Spieltischbeschreibung
ISO-Journal Nr. 47-2014
Einweihungsfeierlichkeiten
Anlass zum 150. Jubiläum von Orgelbau Kuhn







© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Dino Makridis NDR, Aug. Laukhuff GmbH



Portrait-Nummer 801590
www.orgelbau.ch/op=801590

Trondheim IV/P/127
Norwegen, Sør-Trøndelag
Nidarosdom, Steinmeyer-Orgel

Disposition (download)

Der lange Weg zur Restaurierung einer Monumentalorgel

Unsere erste Begegnung mit der Steinmeyer-Orgel in Trondheim fand im Jahr 1990 statt. Dieter Rüfenacht und Wolfgang Rehn waren eingeladen, sich ein Bild über den Zustand der Orgel zu machen. Das Instrument hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine 60-jährige, bewegte Geschichte und einschneidende Veränderungen hinter sich. Vom ursprünglichen Instrument waren inzwischen ganze Werke «amputiert» worden. Zudem hinterliess der Zahn der Zeit kleine und grössere Schäden an den Taschenladen und an der elektrischen Tontraktur, so dass die Funktionssicherheit der Orgel eingeschränkt war. Nicht zuletzt die klimatischen Verhältnisse der Kirche mit extremer Trockenheit im Winter hatten zu diesen Störungen geführt.

Konnte dieser Orgel-Torso dem mächtigen Raum und den Ansprüchen der Musiker überhaupt gerecht werden? Im damaligen Zustand sicher nicht! Es wurde uns sehr bald bewusst, dass nur die Steinmeyer-Orgel in ihrer Ganzheitlichkeit von 1930 das Ziel sein konnte. Fraglos waren aus dem Pfeifenwerk die inzwischen wieder entdeckten klanglichen Qualitäten jener Epoche herauszuhören. Die Basis für eine Rückführung war also gegeben.

Nach unserem ersten Angebot verstrich einige Zeit. Der Kunde führte im Jahr 2010 eine europaweite Ausschreibung durch. Im Januar 2012 entschied sich dann die Expertenkommission, bestehend aus Björn Boysen, Professor an der Hochschule für Musik in Oslo und Orgelsachverständiger, Stein Johannes Kolnes, Orgelsachverständiger des Denkmalamtes, Per Fridtjov Bonsaksen, Domorganist am Nidarosdom, und Lene Landsem, Architektin, einstimmig für das Angebot von Orgelbau Kuhn. Nach Klärung aller Finanzierungsfragen wurde der Werkvertrag im Juli 2012 unterzeichnet.

Der Nidarosdom

Die Stadt Trondheim, Hauptstadt der Provinz Sør-Trøndelag, nannte sich früher «Nidaros». Der Nidarosdom gehört zu den bedeutendsten Kirchen Norwegens, er gilt als Nationalheiligtum. Im Mittelalter und von 1818 bis 1906 diente der Nidarosdom als Krönungsstätte für die norwegischen Könige. Sieben Könige wurden gekrönt, zehn begraben. Seither werden die Könige Norwegens im Nidarosdom gesegnet.

Die Steinmeyer-Orgel und deren Veränderungen

Wie auf Fotos aus dem Jahre 1930 zu sehen ist, war das westliche Hauptschiff des Doms bei Ankunft der neuen Orgel aus Oettingen/Bayern noch nicht fertig gestellt. Die gigantische Orgel wurde deshalb im nördlichen Transept montiert, dessen Fläche sie vollkommen ausfüllte. Der fahrbare Spieltisch stand in der Vierung des Doms. Anlässlich der 900-Jahrfeier für die Schlacht von Stiklestad wurde die Orgel eingeweiht. Das Rückpositiv ragte damals noch ins Mittelschiff hinein. Weil dieser Zustand optisch nicht befriedigte, wurde dieses Werk bald wieder entfernt und dessen Windladen nach hinten in die Orgel verlegt.

Das Längsschiff des Doms war seit über zwei Jahrzehnten fertig errichtet, als man sich 1960 entschloss, die Orgel abgesetzt vor der Westwand des Doms zu platzieren. Als Fassade diente nach wie vor das Gehäuse der ehemaligen Barockorgel, ursprünglich erbaut 1741 von Joachim Wagner. Da dieser Prospekt für die Orgel viel zu klein war, stand er auf einer vorgesetzten Empore, auf welche man auch den Spieltisch setzte. Das Pedalwerk stand hinter dieser Empore, direkt auf dem Kirchenboden. Die Fenster und die wunderbare Rosette blieben über der Orgel sichtbar.

Orgelideal und Stilistik hatten sich seit der Erbauung des Instrumentes gründlich gewandelt. Die Zeit der Orgeln mit über hundert Registern und elektrischer Traktur war vorüber; Orgeln im neobarocken Stil entsprachen dem Zeitgeist. So verlor die Steinmeyer-Orgel viele ihrer Sechzehn- und Achtfussregister. Das Schwellwerk des III. Manuals wanderte ins Triforium im vorderen Kirchenschiff, wo es mit einigen Ergänzungen fortan als zweimanualige Chororgel diente. Das Schwellwerk des II. Manuals blieb als Einheit erhalten. Es wurde vor der Westwand im nördlichen Triforium platziert, wo die Raumhöhe für offene Sechzehnfussregister nicht mehr gegeben ist. Die Windladen von Hauptwerk, Rückpositiv und Kleinpedal fanden ihre Aufstellung auf der Empore. Die Hochdruckstimmen und die Laden des Solowerkes wurden vollständig entfernt. Die vielen nicht mehr benötigten Pfeifen der Sechzehn- und Achtfussregister wurden eingelagert. Durch einen Brand in diesem Lager wurden Holzpfeifen, die englischen Tuben und weitere Metallpfeifen vernichtet, während die Schäden an vielen Zinkpfeifen - nach mehrfacher Umlagerung - fast ebenso vernichtende Ausmasse annahmen.

Im Jahre 1994 wurde als Folge der Restaurierung/Rekonstruktion der Wagner-Orgel im nördlichen Transept die historische Gehäusefront von der Steinmeyer-Orgel entfernt. Die «Innereien» der Steinmeyer-Orgel präsentierten sich nun für jedermann sichtbar, objektiv kein schöner Anblick!

Das Restaurierungsziel

Wo sollte dieses monumentale, wieder vereinte Orgelwerk seinen Platz im Dom finden? Diese Frage sollte uns fast 20 Jahre beschäftigen. Die Westwand der Kirche schien dazu prädestiniert. Wir sahen uns allerdings der Forderung gegenüber, dass neben Fenstern und Rosette auch das Westportal sichtbar bleiben sollte. Das aufgrund dieser Vorgaben erarbeitete Anlagekonzept kann zusammengefasst wie folgt beschrieben werden:

Die elektrischen Gebläse und die Magazinbälge bleiben in den Kellerräumen unter der Orgel. Die beiden Sechzehnfuss-Schwellwerke des II. und III. Manuals stehen in Bodennähe des Doms. Oberhalb sind die Bälge der einzelnen Teilwerke und die Kanalanlage in einer Zwischenetage angeordnet. Darüber entsteht ein bis zur Westwand durchgehender Boden, auf welchem Hauptwerk, Rückpositiv und Pedalladen platziert sind. Die offenen Zweiunddreissigfuss-Pfeifen rücken in den Prospekt und stehen auf eigenen Laden. Das Solowerk (Hochdruck) findet seinen Platz im Süd-Triforium, ganz nah an der Vierung. Das Fernwerk bleibt an seinem ursprünglichen Ort in der Vierungskuppel. Der nun wieder fahrbare Spieltisch wird mit moderner Technik ausgestattet.

Der geteilte Gehäuseunterbau lässt den Durchgang zum Westportal frei. Dank des tief eingezogenen Mittelteils wird der Durchgang unter der Orgel so kurz wie nur möglich. Die Pfeifenabläufe von aussen nach innen ermöglichen den Blick auf Fenster und Rosette. Die im Prospekt sichtbaren Zweiunddreissigfuss-Pfeifen ab C lassen die Grösse des Orgelwerkes erkennen und repräsentieren ein majestätisches Instrument in einer königlichen Kirche.

Mit der Restaurierung wurde die ursprüngliche Disposition der Orgel wieder hergestellt, das Pfeifenwerk restauriert bzw. rekonstruiert. Neben der Erhaltung der originalen Substanz (Pfeifenwerk, Windladen, Bälge) wurde erreicht, dass die Orgel wieder als eine Steinmeyer-Orgel erkennbar ist. Dabei hatte auch die einwandfreie Funktion bei den gegebenen klimatischen Verhältnissen des Doms höchste Priorität.

Das vollbrachte Werk

Für uns bedeutete dieser Auftrag eine aussergewöhnliche Herausforderung, die wir mit Freude, Begeisterung und Engagement angegangen sind. Die Arbeiten begannen im September 2012. Bereits nach 20 Monaten musste die Orgel wieder in ihrer originalen Gravität erklingen, nämlich zum 17. Mai 2014, dem norwegischen Nationalfeiertag und 200-jährigen Jubiläum der Inkraftsetzung der norwegischen Verfassung.
 
 
   
 © Orgelbau Kuhn AG   Aktualisierung 29.01.2018    info©orgelbau.ch