Orgelbau Kuhn
 
 
 

Orgelbau Kuhn AG, 2008

Restaurierung

Orgel erbaut von:
Orgelbau Th. Kuhn AG, 1929

Windladen: Taschenladen
Traktur: pneumatisch
Registratur: pneumatisch

Einweihung: 25.01.2009

Experte: Rudolf Bruhin
Intonation: Pierre Barré, Wioland Stephan



Bibliografie:
Friedenskirche Olten - Herzlich willkommen zur Orgeleinweihung 25. Januar 2009


Querverweise:
Originalzustand 1929

© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf



Portrait-Nummer 801460
www.orgelbau.ch/op=801460

Olten III/P/45
Schweiz, Solothurn
Ref. Kirche (Friedenskirche)

Disposition (download)

Die Restaurierung einer pneumatischen Orgel

Das Bekenntnis eines Organisten in seinem Kollegenkreis, dass er in seiner Pfarrgemeinde auf einer pneumatischen Orgel spiele, brachte ihm mit Sicherheit noch vor wenigen Jahren ein gewisses Mitleid ein. "Das sind eben Orgeln, auf denen man nichts spielen kann und die jeden künstlerischen Anspruch vermissen lassen", eine oft gehörte Beurteilung.

Wir Orgelbauer waren in der Regel auch nicht so gut auf diese Orgeln zu sprechen. Im Winter, wenn eine Kirche geheizt wurde und die Luftfeuchtigkeit entsprechend sank, ergaben sich Undichtigkeiten im Windsystem, was naturgemäss zu "Heulern" oder "Schweigern" führte. Die Reparaturarbeiten gestalteten sich zum Teil äusserst schwierig, waren in vielen Fällen die pneumatischen Bauteile doch praktisch unzugänglich. Oft musste vom Orgelbauer dann improvisiert werden, um den Sonntagsgottesdienst zu retten. Meist fehlte aber auch ganz einfach der Wille, in ein solches Instrument Zeit und Geld zu investieren, da es ja (hoffentlich bald) durch eine neue mechanische Orgel ersetzt würde. Dies geschah dann in den 60er und 70er Jahren in der Schweiz auch praktisch flächendeckend, standen doch die Mittel, diesen Wünschen zu entsprechen, zur Verfügung. Vor dem Hintergrund, dass es heute nur noch sehr wenige dieser pneumatischen Orgeln gibt, erlebten diese Instrumente in den letzten Jahren eine Renaissance in ihrem Ansehen. Fast schlägt das Pendel schon wieder zu stark in die andere Richtung. Man darf nicht annehmen, dass die noch vorhandenen Instrumente automatisch die besten ihrer Art sein müssten und deshalb unbedingt zu erhalten seien. Gerade grosse, repräsentative Instrumente namhafter Orgelbauer wurden vielfach vernichtet, weil diese Orgeln in entsprechend "wichtigen" Kirchen standen, die natürlich eine zeitgemässe Orgel brauchten. Es ist so gesehen die ganze Palette pneumatischer Orgeln, die als Restbestand überlebt hat. Es stellt sich für uns Restauratoren deshalb immer wieder die Frage, ob es sinnvoll ist, ein bestimmtes pneumatisches Instrument zu restaurieren. Vielfach sind die Orgeln verändert worden, so dass ihr Aussagewert als historisches Instrument praktisch verloren ist. Objektiv muss man auch eingestehen, dass nicht jede pneumatische Orgel eine technische Meisterleistung war.

Die pneumatische Steuerung wurde am Anfang ihrer Entwicklung mit Begeisterung aufgenommen, ermöglichte sie doch, grösste und allergrösste Orgeln mit leichtem Fingerdruck zu spielen. Die mechanische Arbeit hatte nicht mehr der Organist zu verrichten, sondern die Druckluft in Verbindung mit Bälgchen und Membranen aus Leder. Die ersten pneumatischen Instrumente im späten 19. Jahrhundert wiesen einfach konzipierte Steuerungen auf. Jeder Orgelbauer war aber später bemüht, sein eigenes System zu entwickeln und zu patentieren. Viele pneumatische Konstruktionen wurden gebaut, nach zwei Versuchen aber wieder fallengelassen. Die Qualität einer pneumatischen Steuerung resultierte letztlich, nach Jahren der Entwicklung, aus der Erfahrung der Orgelbauer und deren konsequenter Umsetzung im Neubau. Eine Entwicklung trägt es auch in sich, dass immer höhere Anforderungen an das System gestellt werden. War es am Anfang nur der Anspruch der leichten Spielbarkeit, so entwickelten sich nach und nach Möglichkeiten, mit Hilfe der Pneumatik alle erdenklichen Spielhilfen und Koppelmöglichkeiten zu realisieren. Betrachtet man den Spieltisch einer grossen Orgel, so erscheint es dem Laien wie ein technisches Wunderwerk. Man muss sich dabei immer vergegenwärtigen, dass hier mit einem sehr geringen Winddruck Schaltungen ausgeführt werden. Die Überforderung der technischen Möglichkeiten macht das System natürlich nicht funktionssicher.

Dieser kleine Ausflug in die Welt der Entwicklung der pneumatischen Orgel lässt sicher erkennen, wie schwierig die Restaurierungsaufgaben bei diesen Instrumenten sind. Vielleicht ist es ja so ein System, welches mit gutem Grund nur ein- oder zweimal gebaut wurde, vielleicht ist ein an sich gutes System so überfordert, dass es den Ansprüchen nicht gerecht werden kann, oder vielleicht hat auch ganz einfach der Holzwurm sich durch alle Windführungen durchgefressen, so dass da nichts mehr geht.

Bei der Orgel in der Friedenskirche in Olten stellten sich all diese Fragen nicht, woraus man ersehen kann, um welchen Glücksfall es sich bei dieser Orgel handelt.

- Ein repräsentatives grosses pneumatisches Werk hat hier, von geringen Eingriffen abgesehen, die Zeit überdauert.

- Die Orgel ist räumlich sehr grosszügig angelegt, so dass die Zugänglichkeit zu allen Bauteilen bestens gewährleistet ist.

- Die Orgel entstand in einer Zeit, in der Orgelbau Kuhn sein pneumatisches System zu hoher Perfektion entwickelt hatte. Die Orgel steht am Ende dieser Entwicklung, setzten sich schliesslich zu dieser Zeit schon bereits elektrische Traktursysteme durch.

- Die Holzwürmer hatten die Orgel aus uns nicht bekannten Gründen verschont.

Bei diesen Gegebenheiten stand die Restaurierungswürdigkeit dieser Orgel nicht zur Diskussion. Neben den üblichen Instandsetzungsarbeiten standen der Ersatz aller Lederteile (Membranen und Taschen) und die Rückführung der Disposition auf den Originalzustand im Vordergrund der Massnahmen. Hierzu waren folgende Arbeiten notwendig:

- Rekonstruktion des Registers Englischhorn 8 ' (II. Man.) an Stelle von Krummhorn 8 '

- Rekonstruktion des Registers Flûte harmonique 8 ' (III. Man.) an Stelle von Clairon 4 '

- Rekonstruktion des Registers Quintbass 10 2/3 ' (Pedal) an Stelle von Mixtur 5-fach

- Rückführung der ursprünglichen Zusammenstellungen und Repetitionen der gemischten Stimmen

Mit diesen Massnahmen entspricht die Orgel ihrem ursprünglichen Zustand und ist in allen Verschleissteilen wieder absolut neuwertig. Mit Ihrer Entscheidung, Kirche und Orgel zu restaurieren, hat die ref. Kirchgemeinde mit Sicherheit einen weitsichtigen Entschluss gefasst, der ein wichtiges Instrument seiner Zeit in die Zukunft trägt. So wünschen wir der Kirchgemeinde für weitere Generationen viel Freude an dieser Orgel und sagen danke für das Vertrauen, welches Sie uns mit dem Auftrag zur Restaurierung der Orgel schenkten.

Und wenn der Organist heute im Kollegenkreis von seiner pneumatischen Orgel in Olten und ihrem Klang berichtet, so muss er wohl nicht mehr mit Mitleid bei vielen Organisten rechnen, allenfalls mit ein wenig Neid!
 
 
   
 © Orgelbau Kuhn AG   Aktualisierung 29.01.2018    info©orgelbau.ch