Orgelbau Kuhn
 
 
 

Orgelbau Th. Kuhn AG, 1972

Restaurierung

Orgel erbaut von:
Matthäus Abbrederis, 1694

Windladen: Schleifladen
Traktur: mechanisch
Registratur: mechanisch

Einweihung: ca. Juli 1972

Experte: Jakob Kobelt / Albert Knoepfli
Architekt: Albert Rigendinger
Intonation: Eduard Müller



Diskografie:
Historische Orgeln der Schweiz Vol. 9, St. Gallen

© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf



Portrait-Nummer 800320
www.orgelbau.ch/op=800320

Pfäfers I/P/19
Schweiz, St. Gallen
Stiftskirche, Psallierchor

Ein alpenländischer Orgeltyp des 17. Jahrhunderts

Die Orgel im sogenannten Psallierchor der ehemaligen Klosterkirche in Pfäfers SG ob Bad Ragaz ist ein frühes, 1693/94 entstandenes Werk des Vorarlberger Meisters Johann Matthäus Abbrederis von Rankweil (getauft am 17. April 1652, gest. um 1725). Dieser Orgelbauer war auch vielfach in der heutigen Schweiz tätig, vor allem im St. Galler Rheintal, in der weiteren Ostschweiz und im Bündnerland.

Der Prospekt ist ein Musterbeispiel für einen weit verbreiteten alpenländischen Orgeltyp des 17. Jahrhunderts, welcher von Hans Gugger etwas zufällig «Steinen-Typ» genannt und eingehend beschrieben wurde (nach der Orgel von 1664 in Steinen SZ). Dieser Typ ist dadurch gekennzeichnet, dass die aussen stehenden Basstürme in spätmittelalterlicher Manier noch immer völlig flach gehalten sind, ebenso die anschliessenden kleineren Felder. In der Mittelachse jedoch setzt ein kleines Rundtürmchen einen neuartigen besonderen Akzent. Dieses niedrige Zentraltürmchen bietet einen idealen Platz für eine vollplastische Figur (Madonna, König David usw.). Abbrederis war zwar nicht der Erfinder dieses Orgeltyps, aber alle seine neuen Werke sind nach diesem Schema gestaltet, von Mon GR (1690) bis Maienfeld GR (1725).

Wohl nur dank dem Umstand, dass diese Orgel während Jahrzehnten umspielbar war, ist der Altbestand weitgehend erhalten geblieben. Man begnügte sich mit der neuen «modernen» Kuhnorgel von 1912 auf der Südempore. Anlässlich einer Gesamtrestaurierung der Kirche wurde das alte Werk im Jahre 1972 von uns restauriert. Leider bestand der bauleitende Architekt darauf, das die Nordfassade des Gebäudes beeinträchtigende hölzerne Blasbalghäuschen zu eliminieren. So ging die Orgel damals der originalen Keilbalgeinrichtung verlustig. Ein modernes Gebläse ist in einem Wandschrank auf der Empore versteckt. Im Übrigen aber war diese Orgelrestaurierung für die Zeit vorbildlich. So wurde hier erstmals und gegen grosse Widerstände sogar eine mitteltönige Temperatur durchgesetzt.

Ganz aussergewöhnlich für die Zeit von 1694 ist der grosse Pedalumfang von zwei vollen Oktaven von C bis c ' (mit kurzer Oktave, 21 Tasten) sowie die grosszügige Pedaldisposition mit sechs Registern.

Die Kosten des am 3. Dezember 1693 in Auftrag gegebenen Werkes betrugen 1060 Gulden Churer Währung. Die Fassung des Gehäuses kostete 22 Gulden. Rätselhaft ist nach wie vor die zwischen etwa 1660 und 1700 auch andernorts offenbar Mode gewordene Schwarzfassung. Die vage Vermutung Albert Knoepflis, es handle sich vielleicht um eine düstere Nachwirkung des Dreissigjährigen Krieges, konnte bis jetzt nicht erhärtet werden.

Friedrich Jakob, 2006


Literaturhinweis

Hans Gugger: Ein Orgeltyp des 17. Jahrhunderts, Herkunft und Entwicklung einer Gehäuseform im schweizerischen alpinen Raum, in: Unsere Kunstdenkmäler, Bd. XXIV, Nr.4, Bern 1973, S. 247-255.
 
 
   
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