Orgelbau Kuhn
 
 
 

Orgelbau Th. Kuhn AG, 1999

Neue Orgel

Windladen: Schleifladen
Traktur: mechanisch
Registratur: mechanisch + elektrisch

Einweihung: 30.12.1999

Experte: Rudolf Bruhin, Heinz Balli
Gehäuseentwurf: Georg Weismann
Intonation: Kurt Baumann



Diskografie:
Schweizer Orgelmusik - Swiss Organ Composers
Die neue Kuhn-Orgel im Berner Münster
Organ Fireworks IX
Orgel- und Alphornkonzert des TCS im Berner Münster (Liveaufnahme)
Daniel Glaus spielt César Franck und J.S. Bach
Die Orgeln des Berner Münsters


Bibliografie:
Die neue Orgel im Berner Münster


Links, Downloads:
«Kuhn-Hebel» (Erläuterung)


Querverweise:
Frühere Orgel
Münsterkapelle



© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf



Portrait-Nummer 113820
www.orgelbau.ch/op=113820

Bern IV/P/71
Schweiz, Bern
Münster

Die neue Berner Münsterorgel in der schweizerischen Orgellandschaft

Münster- und Kathedralorgeln haben in der Schweiz und wohl auch andernorts seit jeher eine besondere Bedeutung erlangt. Einerseits hatten sie Signalcharakter. Der Beschluss des Berner Rates vom 5. Juni 1726, im Berner Münster eine Orgel errichten zu lassen, bedeutete die Wiedereinführung der Orgel in den reformierten Gottesdienst, aus dem sie seit 1530 verbannt gewesen war. Somit wurde im Bernbiet der Weg frei für eine vergleichsweise frühe Orgelkultur, welche sich rasch auch auf die Landschaft ausbreitete. In Zürich war der Weg umgekehrt: die Landschaft ging voran, und erst mit dem Orgelbau von 1876 im Grossmünster fiel die letzte Bastion des zwinglianischen Orgelverbots, aber auch hier natürlich mit einer entsprechenden Signalwirkung.

Andererseits waren Münsterorgeln immer auch vielbeachtete Marksteine in der technischen und musikalischen Entwicklungsgeschichte des Orgelbaus. So bedeutete seinerzeit die Orgelerneuerung von 1930 im Berner Münster das erste Schweizer Grossprojekt im Sinne der damals noch jungen "Orgelbewegung", welche aus der Wiederentdeckung der barocken Orgelbaukunst hervorgegangen war.

Welche Bedeutung hat nun die heutige neue Berner Münsterorgel in der schweizerischen Orgellandschaft? Bei der Beantwortung dieser Frage ergeben sich meines Erachtens wiederum, wie oben beim historischen Rückblick, zwei verschiedene Aspekte: ein allgemein kulturhistorischer und ein fachtechnischer.

Diese Orgelerneuerung bedeutet zunächst einmal grundsätzlich ein Bekenntnis zur Orgel an sich. Es ist nämlich sehr einfach, einen Orgelneubau als unverantwortliche Verschwendung zu apostrophieren. Auf diese Art argumentierte schon im Jahre 1597 die Schaffhauser Pfarrerschaft, damals erfolgreich, gegen eine Wiederherrichtung der Orgeln im dortigen Münster und zu St. Johann: "Wer die Orgeln wieder erneweren will ohn alle Noth, der bringt die Kirchen in unnöthigen grossen Kosten, den man billich an die Armen verwenden oder zu vil nothwendigeren Sachen sparen sollte, thut hiemit wider die Liebe des Nechsten." Das Jasagen zu einer neuen Orgel bedeutet auch das Anerkennen einer kulturhistorischen Verantwortung seitens der Kirche. Sicherlich gehört dies zwar nicht zu ihren primären Aufgaben, doch kann sie sich einem Mittragen unserer abendländischen Kultur nicht einfach entschlagen. Billige elektronische Surrogate genügen zur Erfüllung dieser Verantwortung nicht.

Die neue Berner Münsterorgel soll aber auch, wiederum traditionsgemäss, eine "summa" des heutigen Standes der Orgelbaukunst sein. Nach siebzig Jahren seit der letzten Orgelerneuerung und ebenso langer Weiterentwicklung der "Orgelbewegung" sind sowohl deren fruchtbaren Erkenntnisse als auch deren Gefahren und Schattenseiten deutlich geworden. Beidem sollte gebührend Rechnung getragen werden. Die klanglichen und technischen Vorteile der Schleifwindladen haben diesem System weltweit zum Durchbruch verholfen und sind heute unbestritten. Eine perfektionierte Variante dieses Windladensystems kam also erneut zur Anwendung. Einen ähnlichen Siegeszug hat die mechanische Traktur hinter sich. Musste man 1930 noch zur elektropneumatischen Traktur Zuflucht nehmen, ist man heute in der Lage, auch grosse Münsterorgeln mit rein mechanischer Spieltraktur auszurüsten.

Das Rückpositiv war lange Zeit ein Markenzeichen der Orgelbewegung. Auch Albert Schweitzer, einer der Ratgeber im Jahre 1930, meinte, ein Orgelneubau ohne Rückpositiv mache wenig Sinn. In der Zwischenzeit lernte man aber, dass ein Rückpositiv nicht allzu weit von der Hauptorgel entfernt sein sollte. Vor allem darf es nicht so weit nach vorne gerückt werden, dass es gewissermassen in einem anderen akustischen Raum steht, sonst wird die klangliche Geschlossenheit der Orgel gefährdet. Aus diesem Grunde wurde jetzt auf ein Rückpositiv verzichtet. Hinzu kamen noch weitere denkmalpflegerische Gründe.

Im klanglichen Bereich hatte die Orgelbewegung zu einer derartigen Dominanz des Barocks geführt, dass es zu einer Diffamierung aller romantischen Orgelmusik kam. In den letzten zwanzig Jahren fand jedoch eine gewisse Rückbesinnung statt. Auch dieser Entwicklung sollte in vernünftigem Rahmen Rechnung getragen werden. Die Plenumswirkung der Orgel wird deshalb nicht mehr mit übermässig schreienden Mixturen erreicht , sondern mit einer Stärkung der Grundstimmen. Die lange Zeit verfemten "romantischen" Register (Streicherstimmen und überblasende Flötenstimmen) sollten auch wieder ihren Platz erhalten.

Moderne Produkte ohne Elektronik sind heute kaum mehr denkbar, da macht auch eine
grosse Orgel keine Ausnahme. Der Einsatz der Elektronik beschränkt sich jedoch auf die bequeme Speicherung und Abrufbarkeit von im voraus gewählten Registerkombinationen. Im Bedarfsfall bleibt das Instrument aber auch rein mechanisch registrierbar.

Auf Grund all dieser Ueberlegungen und Beurteilungen hoffen wir, eine Orgel gebaut zu haben, welche für die heutige Zeit repräsentativ und für das nächste Jahrhundert seinen vielfältigen musikalischen Aufgaben gewachsen sein wird.


Friedrich Jakob
 
 
   
 © Orgelbau Kuhn AG   Aktualisierung 23.10.2014    info©orgelbau.ch