Luzern

V/P/81

Schweiz, Luzern
Hofkirche St. Leodegar

© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf

Ein weltbekanntes Orgelwerk

Nach einem verheerenden Brand im Jahre 1633 wurde die Hofkirche in barockem Stil neu aufgebaut. Nach zwei Chororgeln (1637-1642) erhielt die Kirche auf der Westempore eine für damalige Verhältnisse monumentale Orgel (1640-1652) mit zwei Manualen und Pedal mit 42 klingenden Registern. Erbauer war Meister Johann Geisler aus Salzburg, der Gehäuseentwurf stammte vom Luzerner Namensvetter Niklaus Geisler. Prunkstück war seit jeher die grösste Prospektpfeife: das tiefe C des Principal 32 ' (Länge 970 cm, Durchmesser 57 cm).

Nebst zahlreichen Eingriffen und Änderungen erfolgte in den Jahren 1857-1862 ein tiefgreifender Umbau durch Friedrich Haas. Er formte das barocke Werk zu einem romantischen Konzertinstrument um. Das Rückpositiv verschwand, die Schleifladen wurden durch Kegelladen ersetzt, die neue mechanische Traktur erhielt Barkermaschinen, auf dem Dachboden wurde ein Fernwerk zugefügt. Alt blieben lediglich das gewaltige Hauptgehäuse mit seinen Prospektpfeifen sowie etwa fünfzehn weitere Register. Vor allem die Streicher und die überblasenden Stimmen sowie alle Zungenstimmen wurden neu. Der «Wiedererbauer» der Orgel wurde ähnlich triumphal gefeiert wie gut zweihundert Jahre zuvor Meister Geisler.

Die Biographie der Orgel wurde aber schon bald weitergeschrieben. Durch die Firma Goll wurde das Instrument 1895 pneumatisiert, 1942 auch noch elektrifiziert. Die Orgelbewegung sorgte dafür, dass die Fachleute bald keinen Gefallen mehr fanden, auch die traditionellen Orgelkonzerte gingen der berühmten «Gewitterfantasie» mehr und mehr verlustig. So reifte denn nach 1970 der Plan zu durchgreifenden Änderungen. Allerdings erhob sich dabei ein zäher Richtungsstreit. Die einen wollten den Zustand 1652 rekonstruieren, andere wollten die Fassung Haas zurückgewinnen, wieder andere wollten nur reparieren. Schliesslich obsiegte eine Mehrheit, welche schlicht und einfach eine neue, zeitgemässe Orgel wollte, freilich mit der Auflage, den noch vorhandenen Altbestand an barocker Substanz völlig, und den noch «brauchbaren» Bestand des 19. Jahrhunderts teilweise in den Neubau zu integrieren. Dieses Konzept fand auch die Zustimmung der Denkmalpflege.

Unsere Aufgabe war es nun, diese Grundgedanken und Wünsche in ein brauchbares technisches Ausführungsprojekt umzusetzen. Das Rückpositiv wurde rekonstruiert, obwohl die Emporenbrüstung nicht auf das ursprüngliche Mass zurückgenommen werden durfte. Die Platzierung dreier Manualwerke und des Pedalwerkes im Hauptgehäuse richtete sich nicht strikte nach historischen Vorgaben, sondern nach dem Platzbedarf der neuen Schleifladen mit mechanischer Traktur. Das V. Manual (Fernwerk) wurde im Sinne einer Restaurierung behandelt. Hier verblieben die Kegelladen, aber die Traktur wurde elektrisch angelegt. Die schwierigste Aufgabe war nebst der Mensuration wohl die Intonation. Aus den barocken Beständen von 1652, den romantischen Beständen von 1862 und den modernen Zusatzregistern von 1977 war ein in sich harmonisch geschlossenes, ganzheitliches Werk zu schaffen.

Friedrich Jakob, 2006