Faszination Orgelbau

 

Orgelbau Kuhn AG, 2021

Projekt in Arbeit

Windladen
Schleifladen
Traktur
elektrisch
Registratur
elektrisch
Einweihung
19.05.2021
Experte
Christian Schmitt, Martin Haselböck, Peter Solomon
Gehäuseentwurf
Christoph Jedele


www.orgelbau.ch/op=114680

Zürich

III/P/67

Schweiz, Zürich
Tonhalle

© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf/Schweiz

Orgelbau Kuhn AG, 2021

Projekt in Arbeit

Windladen
Schleifladen
Traktur
elektrisch
Registratur
elektrisch
Einweihung
19.05.2021
Experte
Christian Schmitt, Martin Haselböck, Peter Solomon
Gehäuseentwurf
Christoph Jedele

Neue Konzertsaal-Orgel für die Tonhalle Zürich

Es ist für uns eine besondere Ehre, in der geschichtsträchtigen Zürcher Tonhalle eine neue Konzertsaal-Orgel bauen zu dürfen. Sie wird im Februar 2021 fertiggestellt sein und vom 19. bis 22. Mai 2021 eingeweiht werden. Mit diesem Projekt wird auch eine Partnerschaft weitergeführt, die mit Ausnahme einer Unterbrechung von etwa 10 Jahren seit 1872 besteht: Damals durfte der Firmengründer Johann Nepomuk Kuhn eines seiner ersten grösseren Instrumente für die Zürcher Tonhalle bauen.

Der Auftraggeber wünscht sich ein Instrument, das für begleitendes und solistisches Spiel mit dem Tonhalle-Orchester, mit Gastorchestern, Solisten und Chören geeignet ist. Beim solistischen Spiel soll das klassische Orgelrepertoire adäquat dargestellt werden können. Die Orgel soll sich zudem zur Wiedergabe des zeitgenössischen Repertoires eignen und eine künstlerisch eigenständige Sprache sprechen. Zur Erreichung dieser Ziele erscheint uns u.a. eine breite klangliche Differenzierung im Bereich der Grundstimmen besonders wichtig.

Orgelstandort

Mit dem Orgelprojekt werden auch verschiedene bauliche Altlasten bereinigt. Beispielsweise wird die alte Lüftungsanlage des Saales modifiziert und damit mehr Platz in der Orgelnische geschaffen. Das Orgelgehäuse wird Richtung Orgelnische zurückversetzt und schafft damit den vom Orchester sehnlichst gewünschten zusätzlichen Platz auf dem Orchesterpodium. Das Instrument steht statisch wieder ausschliesslich in der Nische und ragt nur leicht über diese hinaus, erheblich weniger als die zwei Vorgängerorgeln.

Disposition und Anlage

Auf der Grundlage eines Entwurfs von Christian Schmitt (Stuttgart) mit 74 bis 80 Registern wurde die vorliegende Disposition in enger Zusammenarbeit zwischen den Orgelsachverständigen Christian Schmitt, Martin Haselböck (Wien), Peter Solomon (Zürich) und Orgelbau Kuhn entwickelt. Dem Hauptwerk stehen ein deutsch-romantisches Orchesterwerk und ein französisch inspiriertes Récit gegenüber. Diese beiden Schwellwerke sind an bester Lage direkt über dem Orchester platziert. Das Hauptwerk liegt eine Etage höher, dahinter das schwellbare Solowerk mit seinen Hochdruckregistern. Das Grosspedal steht hinter dem Orgelgehäuse in der unteren Etage, das Kleinpedal auf der Höhe des Hauptwerks. Das Pedalwerk umfasst zwölf Register und wird durch das schwellbare Orchesterpedal mit weiteren sieben Registern komplettiert.

Die Disposition weist - entsprechend der Funktion der Orgel als Konzertsaalinstrument - einen differenzierten Fundus an Grundstimmen auf. Darunter findet sich mit einer Wienerflöte 8' auch eine Hommage an die Tonhalle-Orgel Johann Nepomuk Kuhns aus dem Jahr 1872. Hervorzuheben ist auch das Register Flauto turicensis 8', eine Eigenentwicklung von Orgelbau Kuhn mit einem 360° umlaufenden Labium - ein Register mit einem einzigartigen Klang, das erstmals für die Schweiz erstellt wird. Die Zungenregister werden in deutscher, französischer und englischer Bauart realisiert. Durchschlagende Zungenregister sind mit einer Aeoline 16' und einer Clarinette 8' vertreten. Ergänzt wird die Disposition durch Effektregister. Einen Glockenspiel-Effekt vermitteln die „Crotales“-Klangscheiben, mit denen auch eine selbsttätig ablaufende Tonfolge definiert werden kann, sozusagen ein frei programmierbarer Zimbelstern. Eine Neuheit ist auch die „Nasenflöte“, ein Effektregister, dessen Pfeifenlabien kaum wahrnehmbar in der Prospektfront untergebracht sind.

Insgesamt weist das Instrument 67 klingende Register, vier Verlängerungen, sieben Transmissionen und zwei Effektregister auf und liegt damit im Grössenbereich der Vorgängerorgeln. Die Download-Disposition enthält weitere Details.

Spieltisch

Nach eingehender Diskussion hat sich das Expertengremium für einen dreimanualigen Spieltisch ausgesprochen. Er ist kompakter als ein viermanualiger und gewährleistet im Orchesterbetrieb die Sicht zum Dirigenten besser. Das vierte Manualwerk, das Solowerk, ist als sogenannte „floating division“ auf allen Klaviaturen verfügbar.

Grosse Konzertsaal-Orgeln sind zusätzlich zum mobilen Spieltisch auf dem Podium oft mit einem zweiten, angebauten Spieltisch ausgestattet. Die Erfahrung zeigt deutlich, dass in der Praxis fast ausnahmslos der mobile Spieltisch zum Einsatz kommt. Auf einen mechanischen Spieltisch wurde deshalb verzichtet.

Prospektgestaltung

Der Prospektentwurf orientiert sich am Restaurierungsziel des Tonhalle-Saals, der aufwändig an den polychromen Zustand von 1895 angenähert wird (siehe Bild 1, das den damaligen Zustand zeigt). Entsprechend wird das Gehäuse
historisierend gestaltet. Der Verzicht auf die mechanische Traktur macht die Rückversetzung des Prospekts erst möglich, und die damit eingesparte Bauhöhe erweitert den Einblick in die originale Orgelnische.

Ausblick

Mit der neuen Tonhalle-Orgel werden - neben den vordergründigen musikalischen Zielen - wichtige Aufgabenstellungen einer Lösung zugeführt: Der Orgelprospekt wird konsequent in die Saal-Ästhetik eingeordnet, die Orgel hat jetzt ihren Platz wieder innerhalb des Nischenbogens, das Orchester erhält mehr Raum auf dem Podium und die ohnehin schon hervorragende Raumakustik wird weiter optimiert. Die Vorgänger-Orgel mit dem vielbeachteten Dispositionskonzept von Jean Guillou hat in der Kathedrale von Koper in Slowenien ihren neuen Aufstellungsort gefunden. Die Entscheidung für die neue Tonhalle-Orgel wird somit gleich mehrere Interessengruppen als Gewinner hervorbringen.


04.03.2020




Bildlegende
Bild 1: Zustand des Saals 1895, Postkarte, Archiv Tonhalle-Gesellschaft
Bild 2: Saal mit Orchester, Archiv Tonhalle-Gesellschaft
Bild 3: Orgel im Zustand 1927, Archiv Orgelbau Kuhn
Bild 4: Orgel im Zustand 1939, Archiv Orgelbau Kuhn
Bild 5: Steinmeyer-Kleuker-Orgel 1988, Archiv Orgelbau Kuhn



www.orgelbau.ch/op=114680