Orgelbau Kuhn AG, 2020

Restaurierung

Orgel erbaut von
Franz Gattringer, 1934
Windladen
Schleifladen
Traktur
elektrisch
Registratur
elektrisch
Einweihung
31.05.2020
Experte
P. Urban Affentranger, Br. Stefan Keusch
Intonation
Thierry Pécaut

Disposition


www.orgelbau.ch/op=801690

Disentis

III/P/66

Schweiz, Graubünden
Benediktinerkloster, Klosterkirche St. Martin

© Bilder Orgelbau Kuhn AG, Männedorf/Schweiz

Orgelbau Kuhn AG, 2020

Restaurierung

Orgel erbaut von
Franz Gattringer, 1934
Windladen
Schleifladen
Traktur
elektrisch
Registratur
elektrisch
Einweihung
31.05.2020
Experte
P. Urban Affentranger, Br. Stefan Keusch
Intonation
Thierry Pécaut

Geschichtsträchtiger Ort

Das Kloster Disentis gilt als die älteste Benediktinergemeinschaft nördlich der Alpen, im Jahr 2014 konnte sie ihr rund 1400-jähriges Bestehen mit einer grossen Feier begehen. Die Geschichte der Orgeln im Kloster ist natürlich noch nicht so alt, beginnt aber immerhin im späteren 16. Jh. Der barocke Klosterneubau, Feuersbrünste und weitere Geschicke der Klostergeschichte brachten das Kommen und Gehen verschiedener Orgeln mit sich.

1925 projektierte das Kloster im Zusammenhang mit einer Restaurierung des Kirchenschiffs zum ersten Mal eine grosse Orgel an der bis dato leeren Rückwand der Südempore. Die erste und gleichzeitig wichtigste Bauetappe wurde 1933/34 von der heute nicht mehr bestehenden Firma Gattringer aus Rorschach ausgeführt. Im Jahr 1955 wurde das Instrument durch neun von der Firma Goll gelieferte Register ergänzt, und 1960 wurde die Firma Mathis mit dem zuvor stummen Rückpositiv beschäftigt. Im März 1961 wurde das Instrument in jenem klanglichen Zustand eingeweiht, in dem es sich bis heute erhalten hat (siehe für Details die Disposition).

Im Zeichen der Orgelreform

Die erste Bauetappe der grossen Klosterorgel legte einerseits die technischen Grundlagen, auf denen die weiteren Ergänzungen aufbauten. In ästhetischer Hinsicht verkörperte sie andererseits eine damals neue Stossrichtung: Das Instrument ist der sogenannten ‚Elsässer Orgelreform‘ verpflichtet, die massgeblich von Albert Schweitzer und Émile Rupp propagiert worden und in den 1920er-Jahren auch in der Schweiz angekommen war. In diesem Lichte ist das im Verhältnis zum Orgelbau der Jahrhundertwende obertönigere und auf mehr Transparenz ausgerichtete Dispositionskonzept zu verstehen, das von P. Leopold Beul entworfen wurde. Man hatte u.a. die Prinzipalpyramide bis zur Mixtur wiederentdeckt und experimentierte mit Aliquotregistern sowie kurzbechrigen Zungenregistern. Gleichzeitig bekannte man sich zum Erbe des 19. Jh., etwa indem man grosszügig dimensionierte Schwellkästen und Zungenregister à la Cavaillé-Coll baute. Die moderne Orgel definierten die Reformer als Instrument, auf dem sowohl ältere als auch neuere Literatur stilgerecht erklingen kann.

Diese Bestrebungen hat der aus Linz stammende und seit 1921 in Rorschach tätige Orgelbauer Franz Gattringer (1887–1944) von Anfang an mitgetragen, insbesondere auch in technischer Hinsicht. In der Leipziger Zeitschrift für Instrumentenbau hat er sich Mitte der 1920er-Jahre verschiedentlich energisch für die Schleifwindlade eingesetzt und, wie auch Schweitzer und andere Orgelreformer, im Tonkanzellenprinzip einen entscheidenden klanglichen Vorteil erkannt. Entsprechend betont P. Beat Winterhalter in einem in der katholischen Kirchenmusikzeitschrift Der Chorwächter erschienenen Bericht über die Disentiser Orgel stolz: „Die Orgel hat nicht die gewöhnlichen Taschenladen oder Kegelladen, sondern Schleifwindladen, System Gattringer, die in besonderer Weise die zarte, singende Ansprache der Pfeifen begünstigen“ (Jahrgang 59, 1934, S. 34f.). Gattringer hatte bereits 1928 in Gonten ein kleineres Schleifladeninstrument gebaut. Übrigens hatte es auch der Firma Kuhn nicht am Willen gemangelt, auf diesem Gebiet voranzukommen: 1930 hatte die Einweihung der neuen Berner Münsterorgel stattgefunden, wie die Disentiser Klosterorgel eine der frühen grossen Reformorgeln mit Schleifladen.

Die Zutaten aus den Jahren 1955 und 1960 reflektieren im Grunde die weitere Entwicklung der Orgelästhetik im deutschsprachigen Raum, die sich mehr und mehr hellen und obertonreichen neubarocken Klängen zuwandte. Die Goll-Erweiterung besteht entsprechend insbesondere aus Aliquoten und Mixturen, das Mathis-Rückpositiv sticht mit einer steilen Disposition hervor.

Hervorzuheben ist auch der auf faszinierend ‚echte‘ Weise in die barocke Kirchenarchitektur integrierte Prospektentwurf aus der Feder der Patres Notker Curti und Leopold Beul sowie des Stuckateurs Josef Malin. Mit Rücksicht auf den Psallierchor, der sich in Disentis ebenso auf der Südempore befindet, sowie auf das Mittelfenster entschied man sich für eine geteilte Orgelanlage.

Restaurierung 2020

Die beeindruckende, über weite Teile originale technische Anlage sowie die heute nur noch selten so authentisch zu erlebende Klangwelt der 1930er-Jahre liessen an der Restaurierungswürdigkeit keine Zweifel aufkommen. Auch die Frage nach dem Restaurierungsziel war vergleichsweise schnell geklärt: Es galt, die Orgel in ihrem gewachsenen Zustand so weit wie möglich zu erhalten.

Weder Pfeifenwerk noch Windladen wiesen erhebliche Schäden auf und sind – inklusive der Schleifenkonstruktion Gattringers – von sehr guter Qualität. Hier waren neben einer Nachstimmung und Nachintonation vor allem eine gründliche Reinigung und Funktionssicherung angezeigt. Auch die pneumatische Anlage erwies sich als solide, es mussten lediglich abgenutzte Membranen und Zugbälge der Ton- und Registertraktur ersetzt werden.

Die eigentliche ‚Achillesverse‘ der Orgel bildete die elektrische Steuerung, die, in den 1930er-Jahren äusserst modern, über die Jahre sehr störanfällig geworden war. Deren Restaurierung hätte einen immensen Aufwand bedeutet, auch wegen der neuen Sicherheitsvorschriften für Schwachstromanlagen. Deshalb entschied man sich für deren Erneuerung, und zwar inklusive eines von Orgelbau Kuhn geplanten und gestalteten Spieltisches. Allerdings konnten die originalen und robusten, den pneumatischen Impuls auslösenden Reisner-Magnete erhalten werden.

Der neue Spieltisch umfasst nun vier Manuale und ermöglicht das unabhängige Spielen des 1960 hinzugefügten Rückpositivs. Ausserdem ist er mit dem neuen Vario-Setzer ausgestattet, der über einen taktilen Bildschirm gesteuert wird und über eine nahezu unbegrenzte Anzahl Speichermöglichkeiten sowie praktische Sortier- und Suchfunktionen verfügt. Ebenso bietet er Freie Koppeln, eine Transponiervorrichtung, eine MIDI-Schnittelle und u.a. eine per iPad steuerbare Aufzeichnungsfunktion.

Mit Blick auf die historische Substanz verantwortbare klangliche Ergänzungen runden das Projekt ab. Auf einer neuen Windlade auf der Westseite der Galerie konnte die bis dato fehlende unterste Oktave des Principal 16' des Hauptwerks ergänzt werden. Ebenda fand der Subbass 16' eine neue Heimat und wurde mit zwölf Tönen zu einem Untersatz 32' erweitert. An der bisherigen Stelle des Subbass 16' wurde ein neues Pedalregister Violon 8' realisiert.

„Das volle Werk hat einen majestätischen, humanen und warmen Klang. Man kann es lange hören, es verbraucht sich nicht schnell“, schreibt P. Urban Affentranger in seiner Geschichte der Klosterorgeln (Mustér 1979, S. 26). Nach ihrer Restaurierung erklingt die Orgel wieder in voller Pracht und wird hoffentlich in Zukunft noch viele Menschen erfreuen!

Michael Meyer, 04/2020


Weiterführende Literatur:
Urban Affentranger: Die Disentiser Klosterorgeln. Mustér 1979.
Michael Meyer: Zwischen Historismus und Postmoderne. Die Geschichte der Orgelbau Kuhn AG. In: Die Orgelbauer. Das Buch zur Geschichte von Orgelbau Kuhn 1864-2014. Hrsg. von Dieter Utz. Männedorf 2014, S. 313-408, bes. S. 315-318.